Historische Badeanstalt

Beim Kramen in alten Fotos entdeckten wir das nebenstehende Bild. Eine Schwarzweiß-Fotografie, ziemlich ramponiert und mächtig vergilbt. Neun mal zwölf Zentimeter misst sie, die rechte obere Ecke fehlt bereits. Die Aufnahme erzählt uns aber eine interessante Geschichte aus längst vergangenen Tagen.

Zwei Männer schauen voller Stolz vom Beckenrand eines vermeintlichen, etwas altertümlich wirkenden Schwimmbades den da badenden Damen zu. Das ist aber kein gewöhnliches Schwimmbad – es ist die schwimmende Badeanstalt von Geilnau aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts!
Und stolz konnten die beiden wahrlich sein, denn diese Badeinsel in der Lahn ist ihr Werk und das ihrer Kameraden vom Arbeiter-Turnverein Geilnau. Komplett aus Holz schufen die Vereinsmitglieder das Bauwerk unter der Anleitung des damaligen Geilnauer Zimmermanns Heinrich Gerheim.
Der Ponton ruhte auf 32 ausgedienten Ölfässern. Die darauf montierte rechteckige Holzkonstruktion bildete den „Beckenrand“, von dem man auf den Grund der Lahn blicken konnte. Damit die Badenden im Fluss nicht untergehen konnten, begrenzte je ein Lattenrost, das zudem noch höhenverstellbar war, den Tiefgang der Bassins. So hatte man je ein Becken für Schwimmer und eines für Nichtschwimmer. Vom Ufer der Lahn aus gelangte man über zwei Laufstege dahin.
Da die damalige Badebekleidung etwas üppiger als heute ausfiel, durften auch die Umkleidekabinen nicht fehlen. Im Foto sieht man die dafür dienenden Aufbauten, die zwei Seiten der mobilen Badeanstalt zierten. Nicht zuletzt gab es auch noch zwei Sprungbretter, von denen man in die „freie“ Lahn springen konnte. Während das eine eine Höhe von 1,50 Meter aufwies, konnte man vom anderen aus drei Meter Höhe in die Fluten springen.
Beim weiteren Betrachten des Bildes entdeckt man, dass die Dame in der unteren Bildmitte offensichtlich im Begriff ist, das Schwimmen zu lernen. Sie hat sich eben den Gurt umgelegt, der am „Angelhaken“ des Bademeisters hängt.
Merkwürdiger Weise erfreuen sich auf dem Foto nur Frauen im kühlen Nass. „Da gibt’s eine ganz einfache Erklärung!“, erinnert sich der Geilnauer Richard Kah. Er war 1935 Bademeister und muss es wissen: „Das Foto dürfte an einem Samstag gemacht worden sein, da war immer Damenschwimmen ...“.
War die Saison vorbei, machte sich der Turnverein daran, das ganze zu demontieren und es wintersicher im alten Turnhäuschen in der Nähe des Brunnenhauses zu lagern. Wie viele mal diese einmalige Geilnauer Badesensation im Frühjahr wieder aufgebaut worden ist, daran erinnert sich niemand mehr so recht.
Das ramponierte und inzwischen betagte Foto war nicht nur Anreiz Erinnerungen hervorzuholen. Nein, es war für den Autor zugleich eine Herausforderung, die Möglichkeiten heutiger Computer-Technik bei der Restauration unseres "Kulturerbes" unterBeweis zu stellen.
So wurde zunächst das Bild "gescannt", was soviel bedeutet wie elektronisch abtasten und in eine Computer-Datei speichern. In einem guten Bildbearbeitungsprogramm hat man nun jede Menge "Werkzeuge" zur Verfügung, mit denen man Flecken, Risse und auch fehlende Teile korrigieren kann. Das Ergebnis sieht man unten.
Aber das ist noch nicht alles! Mit etwas Mühe und Fleiß kann man noch die Farben der Vergangenheit in das Bild zaubern. Bewegen Sie einfach Ihren Mauszeiger über das Bild und die Personen - Sie werden Augen machen ...
Das Originalfoto wurde freundlicherweise bereitgestellt von WALTER MOTZ
Ein Beitrag von HELMUT STERL, Juni 2001
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